H.E.D.Z. (1998)

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Das Unpraktische an der Vor-Facebook-Zeit: Man muss gnadenlos auf sein Gedächtnis vertrauen, um sagen zu können, wann man wo war. Der Sommer 1998 verstrich noch weit vor Facebook, und mein Gedächtnis ist von all den seit damals erlebten Events (und wohl auch ihrer generellen Alkohol-Fixiertheit) etwas trübe. Aber ein aufbewahrter Badge sagt mir, dass sich diese von den Entwicklern ‘The Scottish Skirmish’ getaufte Veranstaltung im Juni 1998 zutrug. Und ein bisschen Googeln lässt mich glauben, dass das Ganze auf Dalhousie Castle stattfand, einer Burg aus dem 13. Jahrhundert, schön gelegen im Grünen acht Meilen südlich von Edinburgh und ausgestattet mit drei Dutzend Gästezimmern und einer Handvoll Event-Räumlichkeiten.

Der Grund, warum ich im Auftrag der Power Play zwei Nächte in Dalhousie Castle verbrachte, war “H.E.D.Z.” – ein Spiel der schottischen Entwickler VIS Interactive. Deren bekanntestes (bzw. einzig bekanntes) Produkt dürfte “State of Emergency” sein, eine indizierte Straßenklopperei, die zwei Jahre später bei Take-Two erschien. An “Head Extreme Destruction Zone” erinnert sich dagegen niemand mehr, mit gutem Grund. Das Third-Person-Actionspiel, in dem man als Alien-Männlein herumballerte und dabei seinen Kopf je nach den aktuellen Erfordernissen auswechselte, war zwar erfreulich obskur, ging aber als spielerische Durchschnitts-PC-Ware in der Masse der Veröffentlichungen Ende der 1990er unter. Der zugehörige Event aber blieb sicher nicht nur mir in Erinnerung.

Ein paar Tage vor der Abreise erhielt ich eine Mail von “H.E.D.Z.”-Publisher Hasbro Interactive, in der ich nach meiner Hosengröße gefragt wurde. Man war von Spiele-Events in dieser Zeit einiges gewöhnt, also dachte ich mir nicht viel dabei, gab meine Größe an und freute mich, beim Bezug meiner Kemenate in Dalhousie Castle einen wie angegossen passenden Schottenrock vorzufinden. Ein wirklich schöner Rock aus original schottischer Fertigung und mit Karomuster auf geschmackvollem Rot – ich war sehr zufrieden mit meinen Clan-Farben. Weniger Glück hatten die französischen Kollegen, deren Röcke in ästhetisch fragwürdiger Weise Orange und Rosa kombinierten, wodurch sie sich auch auf Tischen oder vor Fenstern gut gemacht hätten.

schottenrock

Der Rock befindet sich noch in meinem Besitz. Ebenso dieser geschmackvolle Regiestuhl.

Es wurde erwartet, den Rock zum Abendessen auf der Burg zu tragen, was die meisten Kollegen auch ohne Scham taten (mit Unterhose, höchstwahrscheinlich – ich kümmerte mich nicht eingehender um dieses Detail, aber natürlich war es das Gespräch des Abends, wer der Gäste wohl den schottischen Gepflogenheiten hundertprozentig nachkäme). Nach ein paar Drinks ging es in den prunkvollen Speisesaal, wo wir an langer Tafel Platz nahmen. Ein alter Schotte in vollem Ornat und mit Dudelsack betrat den Raum, im Gefolge ein Mädchen, womöglich seine Urenkelin, die ein wenig rotgesichtig und pummelig ihre schweren Zöpfe durch die dicke Luft wirbelnd traditionelle Tänze zum Gedudel des Alten aufführte. Anschließend wurde das Nationalgericht, der Haggis, auf einem Silbertablett hereingetragen und – unter lautstarkem Rezitieren überlieferter Formeln, die wohl irgendwas (der harte Akzent machte das Verstehen schwer) mit dem gefüllten Schafsdarm als Quell von Stärke und Lebenskraft zu tun hatten – mit einem großen Jagdmesser aufgeschnitten. Was herausquoll wurde auf kleine Teller verteilt, von denen jeder einen bekam. Mir schmeckte es, wobei ich als in Niederbayern mit kulinarischen Schauerlichkeiten wie saurem Lüngerl und Milzwurst Aufgewachsener sicher einen kleinen Heimvorteil genoss.

world games

Symbolbild

Es gab sicher noch ein paar andere Sachen zu essen, aber davon blieb mir nichts in Erinnerung. Der Abend endete vergleichsweise früh – schließlich gab es am kommenden Tag einiges zu tun. Unsere schottischen Gastgeber hatten nämlich rund um die Burg einige Highland Games-Wettbewerbe organisiert. Allerdings keine klassischen mit Baumstammwerfen oder Steine schleppen, sondern moderne. Disziplinen also, die dem Videospieljournalisten dieser Zeit Spaß machen sollten: Mit dem Jeep steile Böschungen hochfahren, mit dem Quad über die Weiden heizen, auf Tontauben schießen. Weil aber mit diesem modernen Mehrkampf nur ein paar Vormittagsstunden gefüllt worden waren, ging es nachmittags noch in ein kleines Waldstück, wo die versammelte Mannschaft in zwei Gruppen geteilt wurde und sich einen ausgedehnten Paintball-Krieg lieferte. Ich war allerdings schon etwas müde, außerdem wurde 1998 auf jedem zweiten Event Paintball gespielt. Ich ließ mich also bei einer selbstmörderischen Aktion umgehend abknallen, um gemütlich Kaffee trinken zu können.

Irgendwann müssen wir auch “H.E.D.Z.” gespielt haben, aber mehr als eine halbe Stunde dürfte das nicht gewesen sein. Und wann die in den Event-Kalender eingeplant worden war, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen. Aber an den Abend erinnere ich mich noch lebhaft.

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Dieses Spiel war der vorgebliche Grund für den Event. In Wahrheit waren nur ein paar Schotten auf ein hübsche, von Hasbro finanzierte Sause aus.

Als Unterhaltung nach dem Essen hatten sich VIS Interactive nämlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen – und es darf bezweifelt werden, dass das Hasbro Interactive-Management in die Planungen miteinbezogen worden war. Die Schotten hatten einen Landsmann gebucht, John Kamikaze, oder wie er sich uns vorstellte: der “Prince of Pain”. Kamikaze war nur mit kurzem Rock und Sonnenbrille bekleidet und sein Körper mit Tätowierungen übersäht, die zu 90% aus schwarzen Fragezeichen in allen Größen bestanden (wer sich das schlecht vorstellen kann, nutze die Google-Bildersuche). Außerdem hatte er viele hundert dünne Nadeln quer in seiner Haut stecken.

John Kamikaze, über den der Herald Scotland Anfang 1998 berichtete, war eine Mischung aus Punk und Fakir, der sein blutiges Handwerk erstaunlich gut beherrschte. Er schluckte Schwerter, aß Glühbirnen, legte sich aufs Nagelbrett, was aus nächster Nähe betrachtet – Kamikaze zog seine Show inmitten der Gäste ab – bereits gewöhnungsbedürftig war. Aber neben Schmerztoleranz schien auch Ideenreichtum eine der großen Stärken Kamikazes zu sein, was dazu führte, dass am Ende der Show nicht mal mehr die Hälftelarry der Leute anwesend war. Er hämmerte sich Nägel in die Nase, etwa 8 Stück pro Loch. Er rammte sich zwei Fleischerhaken durch die Rückenhaut, an denen Seile befestigt waren. Diese knotete er an einen Bürostuhl, mit dem er den schief grinsenden Computec-Kollegen Alexander G. durch den Raum zog. Oder er entrollte ein Kondom, steckte die Spitze in das eine Nasenloch, hielt sich das andere zu und schniefte es in seine Stirnhöhle. Anschließend holte er es aus dem anderen Loch wieder heraus und legte es, blutig und schleimig wie es war, vor mich auf den Tisch.

John Kamikaze war nicht allein: Eine junge Frau mit blondierter Punk-Frisur, die ebenfalls ein paar Fakir-Kunststücke zeigte, die meiste Zeit aber die Assistentin mimte. Ein dicker großer Typ in schwerem Staubmantel und mit Sonnenbrille, der stoisch dastand und das Treiben mit monotonen Bassläufen untermalte. Und schließlich “Danny the porno dwarf”, wie er im Herald Scotland genannt wird. Ein Zwerg im Schottenrock mit offensichtlich nichts drunter; also nichts Textilem. Sein Künstlername resultierte nämlich von seiner mehrmals zur Schau gestellten Fähigkeit, sich allerlei Hanteln und andere schwergewichtige Dinge an die Weichteile zu knoten und anschließend breitbeinig durch den Raum zu stolzieren.

Die Stimmung des Publikums schwankte zwischen amüsiert und schockiert – die Leute verließen allerdings nicht nur wegen der zahllosen Löcher, die sich Kamikaze im Lauf der Show in den Leib bohrte, frühzeitig die Vorstellung, sondern auch, weil sich diese ewig hinzog. Über eine Stunde lang hatte die makabre Zirkustruppe kein Erbarmen mit sich und dem Publikum. Nach dem Schlussapplaus aber ging das Licht an, Kamikaze streifte sich ein T-Shirt über und erschien – abgesehen von den vielen immer noch freiliegenden Fragezeichen – wie ein ganz normaler Typ.

“H.E.D.Z.” bleibt für mich unvergessen, und wenn ich hie und da an die Tage auf Dalhousie Castle zurückdenke, dann kann ich immer noch dieses Kondom vor mir liegen sehen. Ein ekliges, aber auch denkwürdiges und großartiges Erlebnis, für das ich VIS Interactive auf ewig zu Dank verpflichtet sein werde. Glücklicherweise testete das Spiel ein paar Monate später mein Kollege.